Zum 5. Februar 2026 läuft mit New START der letzte verbliebene nukleare Rüstungskontrollvertrag zwischen den USA und Russland aus. Doch was bedeutet das in der Praxis und wie könnte es jetzt weitergehen?
Mit dem Auslaufen von New START können Russland und die USA zum ersten Mal seit 1972 wieder ungebremst nuklear aufrüsten – eine Eskalationsspirale mit globalen Auswirkungen droht. Sollten die beiden Staaten ihre Atomarsenale weiter aufbauen, würde das unvorhersehbare Folgen für die multilaterale Rüstungskontrolle mit sich bringen und das Risiko eines Atomkriegs verschärfen. ICAN fordert Moskau und Washington auf, sich weiterhin an New START zu halten, bis ein neuer Vertrag in Kraft tritt.
Welche Regelungen enthält New START?
Unter New START dürfen beide Länder maximal 1.550 einsatzbereite strategische Atomsprengköpfe, 700 einsatzbereite Trägersysteme (z.B. ballistische Raketen) sowie 800 Startsysteme (mobile Abschussvorrichtungen, U-Boote, strategische Bomber, etc.) besitzen. Außerdem sieht der Vertrag umfangreiche Transparenz- und Kontrollmechanismen, wie den regelmäßigen Austausch von Daten oder das Recht, Inspektionen durchzuführen, vor. Dadurch soll das Risiko eines nuklearen Konflikts begrenzt werden.
Warum läuft der Vertrag aus und welche Bedeutung hat das in der Praxis?
Die Laufzeit des Vertrags ist auf zehn Jahre begrenzt, jedoch ist eine Verlängerung um maximal fünf Jahre möglich. Da New START 2011 in Kraft trat und nach Ablauf der 10 Jahre bereits bis Februar 2026 verlängert wurde, kann diese Option nicht mehr genutzt werden. Allerdings steht es Russland und den USA offen, sich freiwillig weiter an den Vertrag zu halten und/oder einen neuen Vertrag zu verhandeln.
Der Auslauf von New START bedeutet, dass die Atomprogramme der USA und Russland seit 1972 zum ersten Mal nicht mehr quantitativ beschränkt sein werden. Angesichts der gegenwärtig angespannten geopolitischen Lage könnte es in der Folge zu einem ungebremsten Wettrüsten kommen. Laut einem Report der Union of Concerned Scientists würden die beiden Großmächte nur wenige Wochen benötigen, um Hunderte weitere Atomwaffen zu stationieren; innerhalb weniger Jahre könnten sie die Anzahl ihrer einsatzbereiten Nuklearwaffen sogar verdoppeln. Der Wegfall der Transparenz- und Kontrollmechanismen könnte die Lage weiter destabilisieren, da hierdurch das Risiko für katastrophale Missverständnisse steigt. Neben der erhöhten Gefahr eines nuklearen Konflikts bedeutet ein erneutes Wettrüsten außerdem erhebliche militärische Mehrkosten, was zu Kürzungen in anderen Bereichen wie Sozialleistungen führen könnte.
Sollte es tatsächlich zu einem Wettrüsten zwischen den beiden Staaten kommen, würde dies mit hoher Wahrscheinlichkeit auch andere Länder nicht unberührt lassen. In der Konsequenz könnten sich andere Staaten genötigt fühlen, ihre eigenen Waffenarsenale auch nuklear zu erweitern. Im schlimmsten Fall würde dies zu einem massiven internationalen Aufrüstungstrend führen. Mit jeder weiteren Kernwaffe und jedem neuen Atomwaffenstaat steigt das Risiko eines Nuklearkriegs – ob beabsichtigt oder durch Missverständnisse, menschliche bzw. technische Fehler oder einer unüberlegten Entscheidung eines instabilen Staatschefs.
Wie äußern sich Russland und die USA?
In den letzten Jahren hat es keine offiziellen Verhandlungen über einen Nachfolgevertrag gegeben. Das liegt womöglich unter anderem daran, dass Putin im Februar 2023 erklärte, Russland setze seine Mitgliedschaft im New START-Vertrag aus. Seither erfüllt das Land nicht mehr seine Verifikations- und Transparenzpflichten und teilt weder Informationen mit den USA, noch erlaubt es Inspektionen seiner Anlagen. Während einerseits bisher keine Verstöße gegen die in New START enthaltenen numerischen Beschränkungen festgestellt worden sind, konnte aufgrund der fehlenden Informationen andererseits auch nicht zweifellos verifiziert werden, dass Russland sich wirklich weiterhin an die Bestimmungen hält. Seit Juni 2023 sind Gegenmaßnahmen der USA in Kraft, auch sie teilen also keine Informationen mehr und lassen keine Inspektionen zu.
Im September 2025 kündigte Russlands Präsident Wladimir Putin an, dass sich sein Land für ein Jahr weiter an die “zentralen quantitativen Beschränkungen” des Vertrags halten würde, sofern die USA dies auch täten. Von der Wiederaufnahme der Verifikationsmechanismen sprach er allerdings nicht. Dieses Angebot bekräftigte Russland Anfang Februar 2026, nur ein paar Tage vor dem Auslaufen von New START, erneut. Eine formelle Antwort seitens des amerikanischen Präsidenten Donald Trump hat es auf diesen Vorschlag bisher nicht gegeben. Während er ihn im Oktober letzten Jahres noch als eine „gute Idee“ bezeichnete, sagte Trump Anfang Januar 2026 bezüglich New START nur noch: „Wenn er ausläuft, läuft er aus.“
Wie könnte es weitergehen?
Ob Trump das Angebot Russlands annehmen wird, ist noch unklar. In den USA gibt es unterschiedliche Meinungen dazu, ob dies angesichts der nuklearen Aufrüstung Chinas sinnvoll wäre. Hardliner sind der Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten wieder mehr auf Abschreckung setzen müssen – hierfür wären die Beschränkungen unter New START hinderlich. Doch das Konzept der „Nuklearen Abschreckung“ beruht auf eklatanten Fehleinschätzungen und birgt extreme Risiken für Sicherheit und Frieden. Dessen Logik schafft keine Sicherheit, sondern erhöht das Risiko von atomarer Eskalation.
Dahingegen sind die Vorteile einer freiwilligen Einhaltung von New START offensichtlich: Ein Nachfolgevertrag ist unbedingt notwendig, aber erfordert Zeit, um verhandelt zu werden. Die freiwillige Einhaltung (und bestenfalls Wiederaufnahme der Transparenz- und Verifikationsaktivitäten) könnte als Übergangsoption dienen, die sicherstellt, dass das aktuelle Gleichgewicht bestehen bleibt und es nicht zu einem Wettrüsten kommt.
Wie genau ein Nachfolgeabkommen aussehen würde, kann nicht gesagt werden. Während Trump neben Russland auch gerne China in die Verhandlungen involvieren würde, lehnt China dies ab. Russland wiederum würde lieber über die Arsenale der NATO-Mitglieder Großbritannien und Frankreich verhandeln. Fraglich ist außerdem, ob die unter New START bestehenden Beschränkungen übernommen oder weiter verschärft werden würden. Ein neuer Vertrag birgt die Chance, neue Technologien und nicht-strategische Atomwaffen zu beschränken, die bisher nicht vertraglich reguliert sind.
Fazit: Der Unsicherheit entgegenwirken
Mit dem Ende von New START werden bestehende Unsicherheiten verstärkt. Durch den Wegfall numerischer Beschränkungen der beiden größten Atomarsenale der Welt, sowie vertraglicher Verifikations- und Transparenzmechanismen, erhöht sich die Gefahr für eine Spirale der Eskalation und Aufrüstung massiv. Deshalb fordern wir:
- Die USA und Russland müssen einen neuen atomaren Rüstungskontrollvertrag verhandeln – und zwar so schnell wie möglich!
- In der Zwischenzeit müssen sich die beiden Staaten freiwillig an New START halten. Das bedeutet, dass sie wieder ihren Verifikations- und Transparenzpflichten nachkommen müssen und nur über die unter New START erlaubte Anzahl an strategischen Atomsprengköpfen, einsatzbereiten Trägersystemen und Startsystemen verfügen dürfen.
- Darüber hinaus müssen beide Staaten auf die Abrüstung aller Atomwaffen hinwirken, so wie sie sich im Nichtverbreitungsvertrag verpflichtet haben.
Weiterführende Informationen
- Knox, Jennifer, Nuclear Weapons Without Limits? Avoiding a New Arms Race After New START, Union of Concerned Scientists, 13.01.2026.
- Russell, Martin, The New START Treaty between the US and Russia: The last surviving pillar of nuclear arms control, European Parliamentary Research Service, März 2021.
- Treaty Between the United States of America and the Russian Federation on Measures for the Further Reduction And Limitation of Strategic Offensive Arms (New START)
