Kritik zur EKD-Friedensdenkschrift 2025

Ethische Lücken, sicherheitspolitische Mängel

ICAN Statement zur EKD-Friedensdenkschrift 2025 (PDF)

Die kürzlich veröffentlichte Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) „Welt in Unordnung – Gerechter Frieden im Blick“ stößt auf scharfe Kritik aus Friedensorganisationen und der Zivilgesellschaft. Auch der Friedensbeauftragte der EKD, Landesbischof Friedrich Kramer, stellte sich gegen die Denkschrift.

ICAN Deutschland schließt sich der Kritik an: Die Denkschrift weist bezüglich Atomwaffen eklatante analytische Mängel auf, sie ignoriert die Stimmen der Opfer und Betroffenen von nuklearer Gewalt und sie übergeht internationale Fortschritte der atomaren Rüstungskontrolle und Abrüstung.

Fehlerhafte Prämissen

Die Denkschrift beruht auf der falschen Prämisse, dass der Besitz von Atomwaffen und die Androhung von atomarer Vernichtung friedenswahrend seien. Das Konzept der Nuklearen Abschreckung wird in dem Text völlig unreflektiert verwendet, während seine inhärenten Risiken ausgeblendet werden.

Doch Fakt ist: Atomwaffen sind eine existentielle Bedrohung für die gesamte Menschheit und den Planeten. Selbst ein regionaler Atomkrieg, etwa zwischen Pakistan und Indien, würde weltweit zu Milliarden Toten führen. Diese realen Problematiken zu ignorieren, ist sicherheitspolitisch gesehen unseriös.

Innere Widersprüche

Die ethischen Überlegungen des Textes bezüglich Atomwaffen sind in sich widersprüchlich. Einerseits finden sich Aussagen wie diese:

“Der Besitz und die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen widersprechen dem Geist des Gerechten Friedens.”

“Ethisch ist die Ächtung von Atomwaffen aufgrund ihres verheerenden Potenzials geboten.”

“Hinter die Ächtung von Atomwaffen, wozu auch die Androhung eines nuklearen Schlags gehört, gibt es kein ethisches Zurück.”

“Atomwaffen sind […] in keiner Weise ethisch zu legitimieren.”

Doch diese Sätze, die zunächst ethische Klarheit suggerieren, werden an anderer Stelle wieder entkräftet: “Hinsichtlich der nuklearen Abschreckung und der nuklearen Teilhabe lassen sich keine eindeutigen, ethisch begründeten Vorgaben […] festhalten.”

Falsches Dilemma

Diese Widersprüchlichkeit versuchen die Autor:innen durch die Konstruktion eines falschen ethischen Dilemmas zu überbrücken. Sie schreiben: “Der Besitz von Nuklearwaffen kann sicherheitspolitisch notwendig sein, auch wenn ihr Einsatz durch nichts zu rechtfertigen ist.”

Was die Autor:innen an dieser Stelle ausblenden: Der Besitz von Nuklearwaffen ist unumgänglich mit der Fähigkeit und dem Willen verknüpft, sie auch einzusetzen. Nukleare Abschreckung beruht auf der Idee, dass beide Parteien davon überzeugt sein müssen, dass die jeweils andere Seite bereit ist, ihre Atomwaffen einzusetzen. Wer also den Besitz  von Atomwaffen sicherheitspolitisch als notwendig erklärt, rechtfertigt damit auch implizit ihren Einsatz.

Zudem: Nukleare Abschreckung bedeutet die ständige Androhung der gegenseitigen Vernichtung. In diesem Sinne werden Atomwaffen bereits seit Jahrzehnten tagtäglich eingesetzt. Notwendig verwoben mit dem System der Nuklearen Abschreckung sind auch die mehr als 2000 Atombombentests, die weltweit ganze Landschaften zerstört und verseucht haben. Hunderttausende Tote und Opfer, die bis heute unter den Folgen leiden – all diese Menschen bleiben in der EKD-Denkschrift unerwähnt.

Stimmen der Betroffenen, Perspektiven der Diplomatie

Dass die Denkschrift bezüglich Atomwaffen teils die zynisch-realpolitische Sicht der Macht übernimmt, während sie die Stimmen der Opfer und Betroffenen ausblendet, ist aus ethischer Sicht besonders zu kritisieren. Die breite Kritik an der Denkschrift aus christlichen Friedensorganisationen und weiten Teilen der evangelischen Kirche ist deshalb kaum verwunderlich. Immerhin sehen die meisten Gläubigen die Solidarität mit den Schwächsten in der Gesellschaft und den Opfern von (atomarer) Gewalt als ihre christliche Pflicht. Atomwaffen sind zur Massenvernichtung konzipiert. Ein Atomkrieg wäre das unter- schiedslose Töten von Abermillionen unschuldiger Menschen – Grund genug, diese Waffen aus ethischer Sicht abzulehnen.

Aus sicherheitspolitischer Perspektive ist die Ausblendung von internationalen Fortschritten der nuklearen Rüstungskontrolle und Abrüstung in der Denkschrift eklatant. Der Text erwähnt weder den Nuklearen Nicht- verbreitungsvertrag, noch das Abkommen der Vereinten Nationen zum Verbot von Atomwaffen. Der Kernwaffenteststopp-Vertrag, atomwaffenfreie Zonen, Maßnahmen zu Verifikation und Vertrauensbildung, bilaterale Abkommen wie der auslaufende NewSTART- Vertrag – nichts davon wird in der Denkschrift aufgegriffen.

Dabei ist es diesem internationalen Regime an Verträgen zu verdanken, dass es nicht wesentlich mehr Staaten mit Atomwaffen gibt und dass es bisher zu keinem Atomkrieg gekommen ist. Das Regelwerk ist heute wichtiger denn je, da immer mehr Staaten mit dem Gedanken spielen, eigene Kernwaffen anzuschaffen. Doch auch hier schweigt die Denkschrift: Das globale Problem der nuklearen Proliferation bleibt einfach unerwähnt.

Was Gemeinden und Gläubige tun können

Die beträchtlichen Mängel des Papiers bezüglich Kernwaffen, nuklearer Gerechtigkeit und atomarer Abrüstung sind – besonders im Vergleich zur letzten Denkschrift von 2007 – offensichtlich. Der Rat der EKD muss sich nun entscheiden, wie er mit der breiten Kritik an diesem Text umgeht. Bezüglich Atomwaffen sollte er dringend die Perspektiven der Betroffenen und der Expert:innen aus Diplomatie und Zivilgesellschaft aufgreifen.

Seit diesem Jahr ist die Mehrheit der Staatenwelt Mitglied des Atomwaffenverbots der Vereinten Nationen – ein wichtiger Erfolg in krisengebeutelten Zeiten. Den vielen Menschen in der evangelischen Kirche, die ein starkes Zeichen gegen atomare Gewalt und Massenvernichtung setzen wollen, empfehlen wir:

  1. Aktiv für den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag einzutreten,
  2. Den Abzug der in Deutschland gelagerten Atomwaffen zu fordern,
  3. Gelebte Solidarität mit den Opfern und Betroffenen von atomarer Gewalt zu üben

 

Dafür bieten die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen und ihre Partnerorganisationen viele Anknüpfungspunkte und Möglichkeiten für Engagement.

Berlin, 1. Dezember 2025