Haupttor von Urenco in Gronau. Foto: UAA Nee, Wikimedia Commons.

Der einfachste Weg zur Bombe

In Jülich werden Zentrifugen entwickelt und gebaut. Die Urananreicherungsanlage in Gronau ist in der Lage, atomwaffenfähiges Material herzustellen. Trotz des Atomausstiegs darf die Fabrik unbegrenzt weiterlaufen.

Auch Deutschland kann nach Expertenmeinung innerhalb weniger Wochen genug Uran so hoch anreichern, dass damit eine Atombombe hergestellt werden kann. Grundlage dafür sind der fortgesetzte Betrieb der bundesweit einzigen Urananreicherungsanlage (UAA) im westfälischen Gronau sowie der Besitz der dahinterstehenden Zentrifugentechnologie am Standort Jülich bei Aachen.

Die Urananreicherung gilt als „einfachster Weg zur Atombombe“. So formulierte es Michael Sailer, früherer Chef der Entsorgungskommission der Bundesregierung. Und am 2. Mai 2007 warnte der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in einem Interview mit dem Handelsblatt ebenfalls unmissverständlich: „Diese aufwändige Technologie ist aber auch der Schlüssel zu Atomwaffen.“ Gemeint hatte Steinmeier damals
den Iran, dessen Urananlagen aus diesem Grund im Juni 2025 von Israel und den USA massiv militärisch angegriffen wurden.

Das ist keine wirkliche Überraschung, denn die für die Urananreicherung genutzte Zentrifugentechnologie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von deutsch-österreichischen Wissenschaftler:innen unter Leitung von Gernot Zippe explizit für das sowjetische Atomwaffenprogramm entwickelt – also zu militärischen Zwecken. Und sie kommt auch bei der deutschen Urananreicherungsanlage in Gronau zum Einsatz.

Urananreicherung für den Weltmarkt

Die Gronauer Anlage wird seit 1985 von der Firma Urenco betrieben, einem Zusammenschluss des britischen und niederländischen Staats sowie der deutschen Energieriesen RWE und Eon. Der Firmensitz liegt in Großbritannien und damit seit dem Brexit außerhalb der EU. Die Anlage in Gronau ist vom deutschen Atomausstieg ausgenommen und darf weiterlaufen, obwohl alle Reaktoren in der Bundesrepublik abgeschaltet sind. 2025 kündigte Urenco für den Standort Gronau für die nächsten 10 Jahre sogar ein Modernisierungs- und Ausbauprogramm von rund 1 Mrd. Euro an. Dabei geht es nach Angaben von Urenco primär um den Einsatz neuer, leistungsstärkerer Uranzentrifugen sowie den Bau einer neuen Lagerhalle für alte, radioaktiv verseuchte Uranzentrifugen.

Grundlage der Urananreicherung ist der Vertrag von Almelo aus dem Jahr 1970. Darin hatten die Regierungen von (West-)Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden den Bau eigener Urananreicherungsanlagen sowie die friedliche Nutzung der Technologie festgelegt. Auf dieser Grundlage wurde auf Wunsch der Bundesregierung auch die Gronauer Urananreicherungsanlage errichtet.

Sie kann fast ein Zehntel des Weltmarktes für angereichertes Uran beliefern. Lieferverträge bestehen u. a. mit dem vom russischen Militär seit 2022 besetzten ukrainischen
AKW Saporischschja, aber auch mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, China und Japan. Rund die Hälfte der Produktion aus Gronau geht in die USA. Weitere Urananreicherungsanlagen betreibt Urenco in Almelo (NL), Capenhurst (UK) sowie Eunice (USA) – was für insgesamt rund ein Drittel des Weltmarktes reicht. Einen größeren Weltmarktanteil hat nur der russische Staatskonzern Rosatom.

Zivil oder militärisch?

Für die zivile Urananreicherung wird der Anteil von Uran-235 im natürlich vorkommenden Uran mit Hilfe der Zentrifugen auf ungefähr fünf Prozent erhöht. Das angereicherte Uran wird dann zur Brennelementeproduktion für Leistungsreaktoren verwendet. Die einzige deutsche Brennelementefabrik steht im emsländischen Lingen, etwa 35 Kilometer nördlich von Gronau.

Was die Technologie so brisant macht, ist die Tatsache, dass sich mit genau denselben Zentrifugen auch jeder andere, wesentlich höhere Anreicherungsgrad erreichen lässt – wie das Beispiel Iran zeigt. Entscheidend sind vor allem die Anzahl der Zentrifugen und die Menge des zur Verfügung stehenden Ausgangsmaterials. Die konkrete Nutzung ist eine rein politische Entscheidung. Eine andere Bundesregierung könnte im Prinzip ganz andere Entscheidungen treffen. Zudem besteht die Gefahr des Missbrauchs durch Mitarbeiter:innen in der Urananreicherungsanlage.

In Deutschland existiert in Jülich zudem die wenig bekannte Urenco-Tochterfirma ETC (Enrichment Technology Company), welche die Zentrifugen erforscht, entwickelt und baut. Damit verfügt die Bundesrepublik auch über das technologische Herzstück der Urananreicherung.

Kontrollen haben versagt

Im Laufe der Jahrzehnte gab es international viele Versuche, an die
Zentrifugentechnologie zu gelangen. Erfolgreich war der Diebstahl von Dr. Abdul Quadeer Khan, der in den 1970er-Jahren bei einem Urenco-Zulieferer arbeitete, Blaupausen aus der Anlage in Almelo entwendete und damit später zum „Vater der pakistanischen Atombombe“ wurde. Zudem verkaufte er sein Wissen an den Iran und Nordkorea. Eine Urananreicherungsanlage birgt somit immer das Risiko der Weiterverbreitung.

Auch im angeblich zivilen Bereich kann die Grenze zur militärischen Nutzung verschwimmen. So offenbarte das US-Energieministerium 2014, dass Urenco seit Jahren versucht hatte, angereichertes Uran an die US-Reaktoren in Watts Bar zu liefern, die als sogenanntes Nebenprodukt auch Tritium für die Erneuerung von US Atomsprengköpfen erzeugen. Damals lehnten die USA das Urenco-Angebot ab. Aber auch dies ist eine politische Entscheidung, die jederzeit geändert werden kann.

Urananreicherung beenden

Anti-Atomkraft-Organisationen und Umweltverbände fordern schon seit langem die sofortige Stilllegung der Urananreicherungsanlage Gronau und ein Ende der Zentrifugenentwicklung in Jülich. Zum einen würde so die Belieferung von Reaktoren in aller Welt – auch in Krisengebieten − gestoppt und der Atomausstieg in Deutschland komplett umgesetzt. Zum anderen würde die Bundesregierung damit als erste Industrienation freiwillig diesen wichtigen Schlüssel zur Atomwaffenproduktion wieder aus der Hand geben – friedenspolitisch wäre dies gerade in den heutigen Zeiten ein international enorm wichtiges und notwendiges Signal im Ringen um eine weltweite nukleare Abrüstung.

Matthias Eickhoff (Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen)

QUELLEN

Werdermann, Felix (27.12.2013): Atomdeal mit Folgen. Der Freitag, https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/atomdeal-mit-folgen

Markus Balser (31.10.2024): Bieterkampf um den Schlüssel zur Atombombe. Süddeutsche Zeitung, https://www. sueddeutsche.de/wirtschaft/uranfirma-urenco-bieterkampf-um-den-schluessel-zur-atombombe-1.2198276

Hans Leyendecker (19.05.2010): Wie die Gas-Zentrifuge entstand. Süddeutsche Zeitung, https://www.sueddeutsche. de/politik/aus-deutscher-hand-wie-die-gas-zentrifuge-entstand-1.918823

Brönstrup, Petra (27.05.2025): Urananreicherungsanlage Gronau: Betreiber plant Milliarden-Investition. WDR, https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/urenco-milliarden-investition-gronau-100.html

Tagesschau (31.05.2025): Neue IAEA-Vorwürfe gegen Teheran, https://www.tagesschau.de/ausland/asien/uran-anreicherung-iran-100.html

Enrichtment Technology Company – ETC. www.enritec.com. [ETC gehört jeweils zur Hälfte Urenco und dem franz. Atomkonzern Orano (ehmls. Areva).]

Department Of Energy (2024): Interagency Review Needed to Update U.S. Position on Enriched Uranium That Can Be Used for Tritium Production, https://www.gao.gov/assets/670/666505.pdf