Büchel – Auch in Deutschland sind US-Atomwaffen stationiert. Die Bundeswehr trainiert regelmäßig den Abwurf. Zugeben will die Bundesregierung das allerdings nicht.
Die Standorte und die Zahl der US-Atomwaffen in Europa sind streng geheim. Mehrmals haben Bundestagsabgeordnete durch Anfragen an die Bundesregierung versucht herauszufinden, wo und in welcher Anzahl Atomwaffen in Deutschland lagern. Sie bekamen stets die Antwort, diese Informationen unterlägen der Geheimhaltung. Diese Geheimhaltung ist jedoch selbst ein Problem, da Transparenz und demokratische Kontrolle dadurch ausgeschlossen bleiben.
Insbesondere die Forschenden der Federation of American Scientists (FAS) haben mithilfe von Satellitenbildern, Dokumenten und dem Informationsfreiheitsgesetz in den
USA sowie durch Gespräche mit Militärs mühsam die Orte und Zahlen der Atomwaffenstandorte recherchiert. Die FAS veröffentlicht immer wieder Studien mit diesen Informationen. In der FAS-Publikation „Nuclear Notebook” gehen Kristensen et al. von ca. 100 in Europa liegenden US-Atomwaffen aus. Oft sind Informationen nur aufgrund zivilgesellschaftlicher Recherchen verfügbar. So beobachtete Nukewatch im Sommer 2025 einen Transport von Atomwaffen aus den USA nach Lakenheath in England. Damit ist die Anzahl der Atomwaffen in Europa vielleicht erstmals wieder gestiegen.
Inmitten der Eifel, in Büchel, rechnet ICAN mit bis zu 20 Atombomben. Das politisch-militärische Konstrukt dahinter nennt die NATO „nukleare Teilhabe”.
Nukleare Teilhabe
Nukleare Teilhabe bedeutet in der NATO-Terminologie, dass mehrere NATO-Mitgliedstaaten ohne eigene Atomwaffen solche aus den USA hosten und Flugzeuge bereithalten, die diese im Kriegsfall abwerfen könnten. Die USA behalten bis zum Einsatz die physische Kontrolle über die Sprengköpfe (Codes, Verwahrung), die «Host States» stellen Flugzeuge, Pilot:innen und Infrastruktur. Diese Praxis ist völkerrechtlich umstritten: NATO hält sie für mit dem Atomwaffensperrvertrag (NVV) vereinbar — Kritiker:innen sehen sie als Widerspruch zu Nichtverbreitungsund Abrüstungszielen.
Der Einsatz von US-Atomwaffen in Europa wird jedes Jahr im Rahmen der Steadfast Noon Manöver geübt. Wie genau so ein Einsatz ablaufen würde, ist aber nur teilweise bekannt. Nur der US-Präsident kann den Einsatzbefehl – über den US-Oberbefehlshaber der NATO (SACEUR) – geben. Der Bundestag hat dabei kein Mitspracherecht. Die NATO Partner werden konsultiert, wenn Zeit und Umstände es erlauben. In den Einsatz werden sogar Flugzeuge von nicht nuklearen NATO Staaten für Luftbetankung oder Ausschalten der Luftabwehr o.ä. einbezogen (sog. Snowcat Operationen). Um die Bomben im Einsatzfall scharf zu machen, braucht es einen Code für den Permissive Action Link (PAL), die üblicherweise in den USA verwaltet werden. Ob diese im Einsatz aus der Ferne oder durch die Bundeswehr-Pilot:innen eingegeben werden, ist nicht öffentlich bekannt. Daneben ist ein Environmental Safety Device (ESD) installiert, die eine Zündung erst erlauben, wenn bestimmte Parameter (Zeit, Höhe etc.) zutreffen. Das soll Zündungen bei Unfällen möglichst verhindern.

Laut dem Atomwaffensperrvertrag dürfen nur die offiziell anerkannten Kernwaffenstaaten über Atomwaffen verfügen. Ob diese Umwege in der Einsatzkette nun eine Übertragung der Verfügungsgewalt in die Hände der Bundeswehr verhindern, obwohl die Bomben an deutschen Flugzeugen hängen, wird unterschiedlich debattiert. ICAN ist der Meinung, dass diese Praxis den Artikel 1 des Atomwaffensperrvertrags mindestens aushöhlt und im schlimmsten Fall zur Nachahmung einlädt, z.B. zwischen Russland und Belarus.
Die Bundesregierung hat bei der Unterzeichnung des Vertrages einen Vorbehalt eingereicht, der ausdrücklich das Selbstverteidigungsrecht betont, wenn sie ihre höchsten Interessen bedroht sieht. Außerdem bleibe die Bundesrepublik auch den kollektiven Sicherheitsregelungen der NATO verpflichtet. Implizit ist hier die debattierte nukleare Teilhabe und damit auch die Übertragung der Verfügungsgewalt gemeint. Die entsprechenden Verträge und Agreements mit den USA von 1959 will die Bundesregierung auch vor Gericht nicht freigeben (Aktenzeichen Verwaltungsgericht Berlin VG 2 K 107/22).
Modernisierung
Die Atombomben, die momentan in Europa stationiert sind, wurden in den letzten Jahren gegen ein neueres Modell ausgetauscht. Mit der Begründung, die Bomben sicher zu halten und zu pflegen, wurden neue stationiert. Doch während die USA von einer Instandhaltung und einem “Lifetime Extension Program” sprechen, haben die Bomben qualitativ neue Eigenschaften. Zum Beispiel sind sie nun über neu entwickelte Flügel genauer steuerbar und die Sprengkraft lässt sich variabel einstellen. Deswegen spricht ICAN von einer Modernisierung bzw. qualitativen Aufrüstung, die auch die Einsatzschwelle senkt. Der neue Bombentyp B61-12 erscheint militärisch „brauchbarer“ als seine Vorgänger. Dies geht über bloße Instandhaltung weit hinaus. Die Maximalsprengkraft entspricht 50 kt – ca. das Dreifache der Hiroshima-Bombe, die bis zu 200.000 Menschen das Leben gekostet hat.
Bisher hat die Bundesregierung für die nukleare Teilhabe Tornado Kampfflugzeuge bereitgestellt, doch diese werden aufgrund ihres Alters ausgetauscht. Sie sind zudem nicht zertifiziert für den Einsatz der neuen Bomben. Die Bundesregierung hat sich für den Kauf von mindestens 35 F-35A Tarnkappenjets aus den USA entschieden, um in Zukunft damit Atombomben abwerfen zu können. Diese kosten in der Anschaffung ca. 10 Milliarden Euro, während die Gesamtkosten über die Lebenszeit deutlich höher liegen werden. Dänemark rechnet für nur 27 der F-35 Kampfjets mit Kosten von umgerechnet 8,6 Mrd Euro in der erwarteten Lebenszeit von 30 Jahren, Greenpeace errechnet für die 35 deutschen F-35 ca. 17-23 Milliarden Euro Betriebskosten über die Lebenszeit. Selbst Kritiker:innen aus dem militärisch-politisch konservativen Milieu betonen, dass die Abhängigkeit von US amerikanischer Technologie politisch problematisch ist und dass die Ausgaben für diese Waffenprogramme Milliarden verschlingen, die anderswo dringend gebraucht würden. Die spanische Regierung hat ihre F-35 Bestellungen deswegen inzwischen zurückgezogen, auch in der Schweiz wird darüber nachgedacht.
Atomwaffenbasis Büchel
Es geht also um viele Milliarden Euro. Denn nicht nur die Kampfflugzeuge selbst kosten Geld: Die neuen Systeme erfordern auch Investitionen in die Logistik und Wartung sowie die Ausbildung der Pilot:innen. Die Höhe der Kosten, die Deutschland insgesamt für die Stationierung der B61-12 tragen muss, ist noch nicht bekannt. Der Luftwaffenstützpunkt Büchel wird derzeit umgebaut, um den Ansprüchen der neuen Bomben und Flugzeuge gerecht zu werden. Währenddessen werden die Kampfjets auf dem Fliegerhorst Nörvenich stationiert. Das Projekt umfasst unter anderem Verlängerung der Start und Landebahnen, Umbauten der Instandsetzungshalle, Waschhalle, Hangar, Ersatzteillager und ein Gebäude zur Operationsführung, Schutzbauten sowie sicherheitsrelevante Systeme wie das sogenannte Weapons Storage and Security System (WS3), das die Bomben direkt unter den Flugzeugen lagert.
Die Kosten und der Zeitplan verschieben sich ständig. Ursprünglich wurden die Kosten auf ca. 700 Millionen Euro geschätzt. Inzwischen liegen neuere Prognosen bei fast zwei Milliarden Euro, mit Fertigstellung bis 2028.

Fazit
Das Projekt der Aufrüstung von Atombomben, der Kauf von neuen Trägerflugzeugen und die Überholung der Infrastruktur für die Lagerung zeigen, dass Deutschland an der nuklearen Teilhabe festhält. Obwohl die Bundesregierung im Jahr 2009 und der Bundestag 2010 beschlossen haben, sich für den Abzug der Atomwaffen aus Deutschland stark zu machen, rückt dieses Ziel in weite Ferne. Die Bundesregierung plant offensichtlich, sich in den nächsten Jahrzehnten weiterhin an der nuklearen Bedrohung zu beteiligen und tätigt
dafür gewaltige Investitionen.
Marian Losse & Christoph von Lieven, ICAN Deutschland
QUELLEN:
Bundesrepublik Deutschland (10.09.1973): Erklärung der Bundesregierung bei der Unterzeichnung des NV-Vertrages am 28.11.1969, https://dserver.bundestag.de/
btd/07/009/0700994.pdf
Bundeswehr (5.12.2024): Einführung des F-35: Mehr als „nur“ ein neues Kampfflugzeug, https://www.bundeswehr.de/de/organisation/luftwaffe/aktuelles/f-35-deutschland-5864336
Defense Mirror (08.08.2025): Spain, Switzerland Cancel F-35 Jet Order Over Trump’s Europe Policy, https://www.defensemirror.com/news/40014
Defensenews (13.11.2017): Danish audit agency questions data for F-35 purchase
https://www.defensenews.com/air/2017/11/13/danish-audit-agency-questions-data-for-f-35-purchase/
Deutscher Bundestag (2010): Deutschland muss deutliche Zeichen für eine Welt frei von Atomwaffen setzen, Drucksache 17/1159, https://dserver.bundestag.de/btd/17/011/1701159.pdf
Greenpeace (06/2022): Die F-35: Viel Geld für wenig Sicherheit, https://www.greenpeace.de/publikationen/Die%20F35%20 %20viel%20Geld%20f%C3%BCr%20wenig%20Sicher- heit.pdf
Kristensen, Hans (2011): B61 LEP: Increasing NATO Nuclear Capability and Precision Low Yield Strikes, https://fas.org/publication/b61-12/
Kristensen, Hans et al. (2025): NUCLEAR NOTEBOOK United States nuclear weapons. Bulletin of the Atomic Scientists 2025, Vol. 81, Nr. 1, 53–79 https://doi.org/10.1080/009634 02.2024.2441624
NATO (1962): Annual Political Appraisal, Special Report by the Secretary General on NATO Defense Policy, https://nsarchive2.gwu.edu/NSAEBB/NSAEBB159/usukconsult-16a.pdf
NNSA (07.01.2025): NNSA completes B61-12 Life Extension Program, https://www.energy.gov/nnsa/articles/nnsa-completes-b61-12-life-extension-program
Nukewatch (2025): How the US Air Force brought nuclear weapons to Lakenheath air base: The inside story, https://www.nukewatch.org.uk/how-the-us-air-force-brought-nuclear-weapons-to-lakenheath-air-base-the-inside-story/
SWR (25.07.2025): Fliegerhorst Büchel: So viel teurer wird der Umbau für die neuen Kampfjets, https://www.swr.de/swraktuell/rheinland-pfalz/koblenz/fliegerhorst-buechel-kostensind-explodiert-100.html