Am Abend des 21. September 2026 wurde die internationale Plakatsammlung ARTISTS AGAINST THE BOMB in der Rosa-Luxemburg-Stiftung offiziell eröffnet. Sie vereint Arbeiten von Künstler*innen aus aller Welt, die sich für eine Zukunft ohne Atomwaffen einsetzen, und kann noch bis zum 21. Januar 2027 besucht werden.
Den Auftakt zur Ausstellung bildete die Veranstaltung ,,Radioactive Patriarchy – Feministische Perspektiven auf die Folgen der Atomwaffentests”, welche eine Filmvorführung und anschließende Paneldiskussion kombinierte.
Zwischen 1949 und 1989 zündete die Sowjetunion auf dem Testgelände Semipalatinsk in Kasachstan über 450 Nuklearwaffen, deren radioaktiver Fallout bis heute verheerende gesundheitliche und ökologische Schäden in der Region verursacht. Der eindringliche Dokumentarfilm „JARA – Radioactive Patriarchy” setzt sich mit den persönlichen Erfahrungen von weiblichen Überlebenden der Atomwaffentests in Kasachstan auseinander und gibt Frauen, deren Perspektiven sonst unbeachtet bleiben, eine Stimme.
Die anschließende Paneldiskussion mit der Regisseurin Aigerim Seitenova und Dmitriy Vesselov – beide Überlebende der Atomtests der dritten Generation, die extra aus Kasachstan für den Abend angereist sind – vertiefte die Themen des Films. Ebenfalls an der Diskussion beteiligt waren Kathrin Gebel, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, sowie Juliane Hauschulz, Vorstandsmitglied von ICAN Deutschland.

In der Diskussion rückten Aigerim und Dmitriy das oft vergessene Leiden der Frauen in den Mittelpunkt: Aigerim betonte dabei, dass Frauen nachweisbar stärker unter den Folgen ionisierender Strahlung leiden; da die medizinische Forschung Radioaktivität jedoch jahrzehntelang primär am männlichen Körper untersuchte, bleibt ihre besondere Betroffenheit bis heute weitgehend unsichtbar. Dmitriy erklärte, dass Mütter in Kasachstan auf ein Podest gestellt werden, dadurch aber auch viel stärkere psychische und physische Belastung erfahren und die Pflege des Kindes auf ihren Schultern lastet: ,,Wenn das Kind behindert geboren wird, ist nicht nur das Schicksal des Kindes besiegelt, sondern auch das der Mutter.”
Ergänzt wurde die Runde durch Kathrin Gebel, die ihre politische Perspektive in die Diskussion einbrachte. Sie erläuterte, dass sich der Staat sowohl auf gesellschaftlicher Ebene als auch im Bundestag zurückzieht, wenn es um Care-Arbeit geht, jedoch erwartet, dass diese trotzdem verrichtet wird – und zwar primär von Frauen. Für sie hängt das Thema der Atomwaffen stark mit Reproduktion zusammen – genauer gesagt mit der „Reproduktion der Menschheit, Reproduktion der Lebenskraft und Reproduktion der Ernährungsgrundlage“.
Auf den Zusammenhang zwischen Atomwaffen und dem Patriarchat wurde ebenfalls genauer eingegangen: Aigerim wies darauf hin, dass Atomwaffen als Instrument des Patriarchats eng mit Maskulinität verbunden sind, was sich z.B. in Ausdrücken wie dem „Penetrieren“ des gegnerischen Gebiets zeigt. Deshalb sei auch eine feministische Perspektive notwendig, so Kathrin. Durch diese werde nämlich die Grundannahme von militärischer Stärke in Frage gestellt.
Gegen Ende der Diskussion richtete sich der Blick in die Zukunft: Als die Überprüfungskonferenz des Atomwaffenverbotsvertrags zur Sprache kam, die noch dieses Jahr vom 30. November bis zum 4. Dezember 2026 stattfinden wird, appellierte Dmitriy an alle Länder, diesen Vertrag zu unterzeichnen. Staaten, die den AVV nicht unterstützten, müssten international isoliert und an den Rand gedrängt werden. Schließlich würde dieser Vertrag die Möglichkeit bieten, für eine bessere Welt zusammenzuarbeiten.

Trotz des ernsten Themas endete die Veranstaltung auf einer hoffnungsvollen Note, woraufhin die Ausstellung offiziell eröffnet wurde. Im weiteren Verlauf des Abends kam es bei erfrischenden Getränken und einem Buffet zu angeregten Gesprächen zwischen den Panelist*innen und den Besucher*innen. Die Fülle an Gästen zeigte eindringlich, dass die Forderung nach nuklearer Gerechtigkeit breite Unterstützung findet und dass Kunst in der Lage ist, uns selbst fremde Erfahrungen näherzubringen.
Es ist möglich, uns über Grenzen hinweg zusammenzutun und gemeinsam nach einer Welt ohne Atomwaffen zu streben. Der nächste Schritt für unsere Bundesregierung ist dabei, die erste Überprüfungskonferenz des AVV zu unterstützen, damit finanzielle Opferhilfe und die Sanierung der betroffenen Gebiete endlich völkerrechtlich durchgesetzt werden kann.
Nach so vielen Generationen muss das durch Atomwaffen und Atomtests geschaffene Leid endlich ein Ende haben.
Vielen Dank an alle freiwilligen Helfer*innen, die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das ifa-Institut für Auslandsbeziehungen, durch das der Besuch von Aigerim Seitenova und Dmitriy Vesselov ermöglicht wurde.