Wie jedes Jahr trafen sich auf der Münchner Sicherheitskonferenz Staatschefs, Wissenschaft und internationale Organisationen, um über aktuelle Sicherheitspolitik zu diskutieren. Ein Lichtblick angesichts der düsteren Weltlage: Die Rede des spanischen Ministerpräsidenten.
In München wurde dieses Jahr viel über Atomwaffen gesprochen. Das ist mit Blick auf die angeschlagenen Beziehungen zwischen Europa und den USA nicht verwunderlich. So kündigte Bundeskanzler Merz an, Gespräche mit dem französischen Präsidenten Macron über gemeinsame nukleare Abschreckung zu halten.
Doch im Gegensatz zu den Stimmen für atomare Aufrüstung stach die Rede des spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez stark hervor. Er sprach von atomarer Aufrüstung als “historischen Fehler”, bezeichnete nukleare Abschreckung als ein Glückspiel und forderte: “Bitte stoppt die nukleare Wiederaufrüstung!” Das sind klare Worte, besonders in der jetzigen geopolitischen Lage.
Wir haben für alle Interessierten die Rede von Pedro Sánchez ins Deutsche übersetzt:
Übersetzung der Rede von Pedro Sánchez auf der MSC 2026
„Vielen Dank. Guten Morgen. Ich bin nach München gekommen, um Freund*innen und Verbündete zu treffen, um Expert*innen zuzuhören und um Spaniens Engagement für die multilaterale Ordnung und die Sicherheit der osteuropäischen Nationen zu zeigen. Wir Spanier sind weit von Russland entfernt, aber wir wissen sehr wohl, dass Putin eine echte Bedrohung ist, dass die Welt instabiler wird und dass wir Europäer unsere Verteidigungsfähigkeiten stärken müssen, natürlich um unsere Freiheit und unsere Lebensweise zu schützen, aber auch um unseren internationalen Partner*innen Sicherheitsgarantien zu geben. Wir sind uns auch dessen bewusst, dass Spanien, seit ich Ministerpräsident geworden bin, seine Verteidigungsausgaben verdreifacht und die Zahl der in NATO-Missionen eingesetzten Soldat*innen verdoppelt hat.
Wir müssen natürlich unsere Souveränität, unsere territoriale Integrität und unsere Sicherheit gewährleisten. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass nukleare Aufrüstung nicht der richtige Weg ist, dies zu tun. Und ich bin kaum der Erste, der so denkt. Vor 70 Jahren kamen unsere Eltern und Großeltern zu dem Schluss, dass nukleare Abschreckung ein viel zu kostspieliger und riskanter Weg war, Konflikte zwischen Nationen zu vermeiden. Zu kostspielig, weil sie enorme öffentliche Investitionen erforderte, und zu gefährlich, weil technische oder menschliche Fehler mehrmals beinahe einen umfassenden Atomkrieg zwischen dem Westen und der ehemaligen Sowjetunion ausgelöst hätten. Einen Krieg, der die Menschheit an den Rand der Auslöschung gebracht hätte. Nach einigen Jahrzehnten erkannten unsere Vorgänger*innen, dass die von der nuklearen Abschreckung ausgehenden Risiken ihre Beiträge zum Frieden bei weitem überwogen. Sie erkannten, dass ein System, das null Fehler und ständige Korrekturen erfordert, um totale Zerstörung zu vermeiden, keine Garantie ist. Es ist ein Glücksspiel.
Präsident Ronald Reagan erklärte, und ich zitiere: „Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf niemals geführt werden.“ Ende des Zitats. Und John F. Kennedy sagte, und ich zitiere: „Die Waffen des Krieges müssen abgeschafft werden, bevor sie uns abschaffen.“ Ende des Zitats. Es ging also nicht um links oder rechts. Es ging darum, das Richtige zu tun. Diese kollektive Erkenntnis führte zu einem internationalen Abkommen darüber, einen schrittweisen, verifizierbaren Prozess der nuklearen Abrüstung einzuleiten. Verträge wurden unterzeichnet und die nuklearen Arsenale wurden drastisch reduziert. Doch nun wendet sich das Blatt. Atommächte haben die Lehren der Vergangenheit vergessen und bauen ihre nuklearen Arsenale erneut aus. Gemeinsam geben sie jede einzelne Stunde mehr als 11 Millionen Dollar für sie aus. Und Expert*innen schätzen, dass allein die USA in den nächsten zehn Jahren 946 Milliarden Dollar in Atomwaffen investieren werden. Genug, um extreme globale Armut zu beseitigen.
Meiner Ansicht nach ist dies ein Fehler. Ein historischer Irrtum, den wir nicht noch einmal begehen dürfen, insbesondere nicht heute, da künstliche Intelligenz einen Schatten der Unsicherheit über die ganze Welt wirft. Deshalb möchte ich all diese mächtigen Nationen demütig bitten: Bitte stoppt die nukleare Wiederaufrüstung! Setzt euch hin, verhandelt und unterschreibt einen neuen START-Vertrag, um die Kontinuität des gerade ausgelaufenen Vertrags sicherzustellen. Als ein nicht-Atomwaffenstaat, der miterlebt hat, wie 1966 versehentlich Atomwaffen auf seinem Territorium abgeworfen wurden, bitte ich euch, den Beginn eines neuen Wettrüstens zu verhindern, solange es möglich ist. Die Menschheit wird euch für immer dankbar sein, wenn ihr es tut, und sie wird euch hart verurteilen, wenn ihr es nicht tut.
Wir müssen Putin stoppen. Wir müssen unsere Abschreckungsfähigkeiten stärken. Aber lasst uns dies auf koordinierte und gezielte Weise tun, die wir kontrollieren können. Lasst uns eine echte europäische Armee aufbauen. Nicht in 10 Jahren, sondern jetzt. Spanien wird sich mit allen notwendigen Ressourcen beteiligen. Lasst uns unser multilaterales System stärken, indem wir jene Institutionen reformieren und stärken, die trotz ihrer Mängel über Jahrzehnte hinweg erfolgreich den Frieden im Westen bewahrt haben. Und lasst uns auch in die Werte der Solidarität, Empathie und Zusammenarbeit investieren, die uns so weit gebracht haben, denn die Wiederaufrüstung, die wir in der Welt am dringendsten brauchen, ist eine moralische.“
Hier findet ihr die Rede im englischen Original und ins Spanische übersetzt.