„Nuclear War Simulator“ – Interview mit Ivan Stepanov


Textfassung weiter unten.

Zur Person: Ivan Stepanov lebt in Stuttgart und arbeitet als Simulationsingenieur in der Automobilindustrie. Im Juni 2020 veröffentlichte er sein Programm “Nuclear war simulator”, welches Benutzer*innen erlaubt nukleare Konflikte und ihre humanitären Auswirkungen detailliert zu simulieren. 

Hier erscheint eine leicht adaptierte Version eines Interviews, das er am 22.07.20 mit ICAN Deutschland führte. 

Der “Nuclear war simulator” steht auf http://nuclearwarsimulator.com/ zum Download zur Verfügung.

„Man sieht wie sich das auf die eigene Familie und Freunde auswirkt“ – Die neue Atomkriegs-Simulation von Ivan Stepanov

ICAN: Was ist der „Nuclear war simulator” und was kann man damit machen?

Ivan Stepanov: Der Nuclear war simulator ist im Prinzip ein Programm mit dem man einen Atomkrieg oder atomare Konflikte detailliert simulieren kann. Der Fokus der Simulation liegt auf den humanitären Konsequenzen dieser Konflikte. Konkret bedeutet das, dass man zunächst die heutigen oder zukünftigen Streitkräfte unterschiedlicher Länder darin positionieren und den Ablauf eines Konflikts darstellen kann. Danach werden die unterschiedlichen physikalischen Effekte der Atomwaffen auf die Bevölkerung ausgerechnet. Es gibt aus dem kalten Krieg Modelle dazu wie sich z.B. Überdruck, thermische Strahlung, Radioaktivität mit Abstand von der Explosion ausbreiten und Untersuchungen aus Hiroshima und Nagasaki wie sich diese physikalischen Effekte dann auf Menschen auswirken.

ICAN: Wie lange arbeitest du schon an dem Projekt oder wie hast du damit angefangen?

Ivan Stepanov: An dem Projekt arbeite ich wahrscheinlich schon seit drei Jahren, aber es hat sehr langsam als kleines Nebenprojekt angefangen. So richtig intensiv arbeite ich daran erst seit anderthalb Jahren. Angefangen habe ich das, weil ich das Thema sehr wichtig finde. Ich habe dann irgendwann festgestellt, dass es so eine Simulation nicht gibt. Es gibt zwar ziemlich viele Spiele, die Atomkrieg behandeln, aber diese Spiele sind alle sehr primitiv. Das einzige was der Realität halbwegs nahe kommt ist das online tool „Nukemap“, aber damit konnte man immer nur sehr wenige Atomwaffen darstellen. Mir war klar, dass man ein Werkzeug braucht, mit dem man auch große Konflikte simulieren kann.

ICAN: Für wen würdest du sagen hast du das dann entwickelt? Für wen denkst du, dass das Programm am hilfreichsten ist und wie sollten sie das Programm benutzen?

Ivan Stepanov: Ich versuche das Publikum hauptsächlich in zwei Gruppen aufzuteilen. Einmal sind da die Aktivisten, die Experten, die sich mit Rüstungskontrolle und Abrüstung beschäftigen, also auch ICAN und IPPNW. Diese Expertengruppe können das Programm nutzen, um Medien für Vorträge, Visualisierungen und Bilder herzustellen. Alternativ können sie es auch für ihre Forschungsprojekte nutzen. Zum Beispiel ermöglicht einem das Programm ziemlich schnell die Folgen für die Bevölkerung in einem bestimmten Konflikt zu untersuchen. Die andere Gruppe sind Jugendliche oder Spieler. Die Simulation ist kein Spiel in dem Sinne, dass es eine Belohnung oder ein Ziel gäbe. Es ist eine Art Sandkasten, in dem man machen kann was man will. Aber es ist interaktiv und visuell halbwegs ansprechend. Ich hoffe, dass man damit mehr junge Leute für das Thema interessiert und ihnen auch glaubwürdige Informationen vermittelt. Es soll mehr sein als bloß ein Spiel.

ICAN: Wenn du sagst du möchtest auch jüngere Leute für das Thema interessieren, was wäre so eine zentrale Botschaft, die Menschen, die die Simulation nutzen daraus mitnehmen sollten?

Ivan Stepanov: Die zentrale Botschaft ist, dass die Leute verstehen wie viele Atomwaffen wir haben. Man hört ja häufig die Zahlen, dass z.B. die USA und Russland 7.000 Atomwaffen haben. Das ist aber alles sehr abstrakt. Ich will, das Leute durch diese Visualisierung sehen wie viele das eigentlich sind und was sie mit einem Land machen können. Darüber hinaus ist mir wichtig, dass man auch die menschliche Seite sieht. In der Simulation sieht man wie sich das auf Städte und auf die eigene Familie und Freunde auswirkt. Man kann die eigene Familie und Freunde als Individuen in die Simulation importieren und sehen was ihnen in unterschiedlichen Szenarien passiert.

ICAN: Wie sieht das dann konkret in der Simulation aus?

Ivan Stepanov: Es gibt zwei unterschiedliche Schichten in der Simulation. Auf der einen Seite gibt es diese mehr abstrakte Schicht, die Bevölkerungsdichte. Es gibt ungefähr ein Quadratkilometer große Zellen, denen Bevölkerungszahlen zugeschrieben sind. Darin wird dann berechnet welcher Überdruck, welche thermische Strahlung, welche Radioaktivität wirkt sich auf die Bevölkerungszelle aus. Daraus wird wiederum geschlossen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass man in dieser Zelle überlebt. Die andere Schicht sind die Individuen, die man in diese Simulation platzieren kann. Diese Menschen werden dann behandelt wie diskrete Objekte, an deren Position wieder die Effekte berechnet  werden. Dann gibt es einen kleinen Text, der beschreibt welche gesundheitlichen Folgen sie erleiden würden, z.B. ob man Verbrennungen zu erwarten hat oder von einem Gebäude verschüttet wird oder was die Auswirkungen von Strahlenkrankheit wären. Dadurch wird alles ein bisschen anschaulich.

ICAN: Die Umwelt ist ja heute auch ein wichtiges Thema, auf das Atomwaffen natürlich auch einen großen Einfluss haben. Wie wird die Umweltzerstörung in der Simulation modelliert?

Ivan Stepanov: Die Umwelt wird momentan modelliert, allerdings noch nicht so detailliert wie ich das gerne hätte. Was zum einen modelliert wird ist der Fallout, das sind diese radioaktiven Partikel von den Überresten der explodierten Atomwaffe. Es wird dargestellt wie diese vom Wind auf bestimmte Gebiete verteilt werden. Der andere Effekt, der gezeigt wird, ist der nukleare Winter. Wenn die Atomwaffen über Städten explodieren, dann brennen diese Städte und produzieren sehr viel Rauch. Dieser Rauch steigt dann in die Atmosphäre und blockiert die Sonne, was dann zu einer Abkühlung führt. Das führt dann wiederum zu einer Abkühlung und einem Ausfall von Ernten, was dann auch sehr große Konsequenzen jenseits des Gebiets, das eigentlich von den Atomwaffen betroffen ist, hat. Die Darstellung ist allerdings noch relativ primitiv.

ICAN: Denkst du wirst in Zukunft noch mehr Aspekte einbauen oder ist das erstmal das interessanteste in dem Zusammenhang?

Ivan Stepanov: Ich werde noch mehr Effekte einbauen. Es ist eine Baustelle, an der es noch sehr, sehr viel zu tun gibt.

ICAN: Atomwaffen haben ja nicht nur Auswirkungen, wenn sie tatsächlich eingesetzt werden. Du kommst ja ursprünglich aus Kasachstan, wie haben sich die sowjetischen Atomtests auf das Land und dein eigenes Umfeld ausgewirkt?

Ivan Stepanov: In Kasachstan hat die Sowjetunion die meisten ihrer Atomwaffen getestet. Auf dem Testgelände waren das ungefähr 465. Insbesondere am Anfang des kalten Krieges wurden viele auch überirdisch getestet. Das hat dazu geführt, dass in den umliegenden Gebieten sehr viele Leute krank wurden und das gehört zum kulturellen Bild der Stadt. Früher war das alles geheim aber nach dem Ende der Sowjetunion wurde sehr viel davon aufgeklärt. Das war auch die Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe in Semipalatinsk in der Nähe von diesem Atomwaffentestgelände die ersten 15 Jahre meines Lebens verbracht und dann als Kind schon angefangen mich für das Thema zu interessieren. So fing ich an, Zeitschriften und dann Bücher zu lesen – in der Bibliothek gab es eine große Abteilung dazu. In unserer Familie haben eigentlich alle diese Atomtests erlebt und in meiner Familie hat auch eine Person mehrere Jahre auf diesem Atomwaffentestgelände gearbeitet. Das hat dann mein Interesse geweckt. Durch mein Physikstudium hat sich dann ein besseres Verständnis dafür entwickelt, was die Gefahren von Atomwaffen sind.

ICAN: Kurz vor Schluss vielleicht eine etwas provokative Frage: hast du irgendwelche Sorgen, dass es zu einer unsachgemäßen Anwendung dieser Simulation kommen könnte? Zum Beispiel, dass sich irgendeine Atommacht überlegen könnte, dass sie mit dieser Simulation ausprobieren können, wie weit sie gehen können?

Ivan Stepanov: Nein, da habe ich absolut keine Sorgen, weil die Mächte, die genug Atomwaffen haben, dass sie davon profitieren könnten, viel bessere Werkzeuge haben. Für die ist das höchstens ein Spielzeug. Diese Simulation ist eher für die Menschen, die nicht an diese Werkzeuge der Regierung rankommen: für die Aktivisten, die Forscher, für die Menschen. Die Simulation dient dazu, dass die Bevölkerung auch diese Informationen bekommt, nicht nur die Regierungen.

ICAN: Was steht jetzt als nächstes an für das Projekt?

Ivan Stepanov: Ich arbeite teilzeit daran. Es gibt noch sehr viel zu tun, wahrscheinlich werde ich auch nie alles umsetzen, was ich geplant habe. Auf jeden Fall muss ich es benutzerfreundlicher machen, damit es mehr Menschen anspricht und die Zielgruppe über die Experten hinaus ausgeweitet werden kann. Und dann würde ich gerne die humanitären Konsequenzen, die Umweltfolgen, wie den nuklearen Winter und dann die Systemsimulation etwas detaillierter machen. Zum Beispiel möchte ich die Typen von Objekten, die in der Simulation sind, wie Flughäfen und Kraftwerke erweitern. Das sind die Objekte, die eigentlich Ziele in einem Atomkrieg sein würden. Da wäre es gut die auch in der Simulation zu haben und detaillierter darzustellen.

ICAN: Da wünschen wir dir auf jeden Fall viel Erfolg, damit möglichst viele Menschen die Simulation dann auch nutzen können.

Ivan Stepanov: Ja, vielen Dank für das sehr interessante Interview.