Die Firma Urenco betreibt in Gronau (Westfalen) eine Urananreicherungsanlage. Foto: UAA Nee

Urananreicherungsanlage gefährdet Nichtverbreitung

Am Mittwoch diskutiert der Umweltausschuss des Bundestags über die mögliche Stilllegung der bundesweit einzigen Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau. ICAN Deutschland hat dazu eine Stellungnahme verfasst, die an die Ausschussmitglieder verschickt wurde:

Urananreicherungsanlage Gronau gefährdet die Nichtverbreitung und den Weltfrieden

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) ist ein weltweites Netzwerk von hunderten Organisationen in mehr als 100 Ländern und setzt sich für eine Welt ohne Atomwaffen ein. Im vergangenen Jahr haben wir für unsere Arbeit den Friedensnobelpreis erhalten. Um die Gefahr eines Atomkrieges zu mindern, ist die Nichtverbreitung von atomwaffenfähigem Material und dem technischen Know-How von besonderer Bedeutung. Aus diesem Grund möchten wir auch zur deutschen Urananreicherungsanlage in Gronau Stellung beziehen.

Diebstahl ermöglichte Atomwaffenprogramme

In Gronau steht die bundesweit einzige Anlage zur Anreicherung von Uran. Das Material wird zwar für den Einsatz in Atomkraftwerken verwendet, die dort genutzte Zentrifugentechnologie ist jedoch auch geeignet, um atomwaffenfähiges Material herzustellen. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Wolfgang Liebert vom Wiener Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften ist dies in Gronau durch eine andere Verschaltung der Zentrifugen innerhalb von wenigen Wochen möglich (1).

Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass das technische Know-How entwendet und für den Bau von Atomwaffen in anderen Ländern genutzt wird. Wie real dieses Risiko ist, zeigt der Fall des pakistanischen Wissenschaftlers Abdul Qadeer Khan (2). Er hat in den 1970er Jahren in den Niederlanden für einen Zulieferer der Urenco gearbeitet, das ist die britisch-deutsch-niederländische Betreiberfirma mehrerer Urananreicherungsanlagen, auch der in Gronau. Khan kopierte technische Anleitungen und Pläne, anschließend baute er in Pakistan ein Forschungslabor auf und ermöglichte so den Bau von Atomwaffen. Khan versorgte später u.a. Iran und Nordkorea. Erst auf diesem Wege kamen beide Länder einen erheblichen Schritt weiter auf dem Weg zur eigenen Atombewaffnung. Die Urananreicherungsanlagen der Urenco und die dahinterstehende Zentrifugentechnologie stellen ein erhebliches Proliferationsrisiko und damit eine Gefahr für den Weltfrieden dar.

Wie mangelhaft auch heute noch die Sicherheitsvorkehrungen in den Anlagen der Urenco sind, bewies erst vor wenigen Wochen der Fall eines inzwischen entlassenen Mitarbeiters, dem es offenbar gelungen war, Waffenteile in die Urananreicherungsanlage Gronau zu schmuggeln. Inzwischen ermittelt dazu die Staatsanwaltschaft.

Unterstützung des US-Atomwaffenprogramms problematisch

In Gronau wird auch für US-amerikanische Atomkraftwerke Uran angereichert. Dort wird nicht nur Strom produziert, sondern teilweise wird das im Betrieb anfallende Tritium auch für das US-Atomwaffenprogramm verwendet. Dadurch kann es dazu kommen, dass die Anlage in Gronau indirekt an der Herstellung von neuen Atomwaffen beteiligt ist. Laut Vertrag von Almelo darf die Urenco zwar nur für zivile Zwecke anreichern, praktisch dürfte eine Kontrolle vor Ort in den USA aber sehr schwierig sein. Zudem ist juristisch offenbar umstritten, ob die Belieferung erlaubt ist, wenn Tritium als Nebenprodukt eingestuft wird. Diese Sachlage bereitet ICAN große Sorgen.

Nach WDR-Recherchen aus dem vergangenen Jahr wurde bereits ein Vertrag geschlossen zur Belieferung von US-Reaktoren, die das dortige Atomwaffenprogramm mit Tritium versorgen (3). In Zukunft dürfte dieses Problem noch größer werden, denn aus Gronau wird in letzter Zeit mehr angereichertes Uran in die Vereinigten Staaten exportiert: Bis 2015 lag der Anteil bei ca. 25-30 Prozent der Gesamtproduktion. In den vergangenen zwei Jahren waren es jeweils rund 50 Prozent. Hintergrund dafür ist, dass die USA über keine eigene Urananreicherungsfirma mehr verfügen, sodass die Atomindustrie mangels Alternativen zum großen Teil auf angereichertes Uran von Urenco zurückgreifen muss.

[Redaktioneller Hinweis: Hier wird nicht behauptet, Uran aus Gronau werde momentan mit Sicherheit für die US-Atomwaffenproduktion verwendet. Es ist aber möglich, dass ein Teil des von Urenco gelieferten angereicherten Urans das Atomwaffenprogramm der USA mit dem dringend benötigten Tritium versorgt hat. Leider mangelt es an Transparenz: Die Betreiberfirma Urenco verschweigt bislang, welche Reaktoren von welchen Standorten aus beliefert werden.]

Deutschland kann durch Stilllegung eine Vorbildfunktion einnehmen

Die Urananreicherungsanlage in Gronau wird durch den beschlossenen Atomausstieg ab 2022 nicht mehr für die heimische Elektrizitätsproduktion benötigt. Wenn Deutschland als erste große Industrienation freiwillig auf die Urananreicherung verzichtet, kann dies Vorbildfunktion haben. Es wäre ein bedeutendes friedens- und abrüstungspolitisches Zeichen: Wir erteilen dieser Technologie und der Option der Atomwaffenherstellung eine klare Absage.

Durch solch einen Schritt könnte die Bundesregierung auch auf internationaler Bühne viel besser für nukleare Nichtverbreitung und Abrüstung eintreten. Glaubwürdig ist Deutschland nämlich nur, wenn es selbst mit gutem Beispiel vorangeht und Proliferationsrisiken so weit wie möglich mindert. Die Schließung der Anlage in Gronau stärkt somit die Verhandlungsposition der Bundesregierung, wenn es um die Nichtverbreitung geht.

Auf die technische Expertise muss die Bundesregierung bei der Stilllegung der Urananreicherungsanlage Gronau als Produktionsstätte nicht verzichten: Sollte dies nötig sein, könnten Fachleute in den Staatsdienst wechseln. Ohnehin wäre es problematisch, wenn die Bundesregierung auf einem derart sensiblen Feld allein oder primär auf die Expertise einer Privatfirma angewiesen wäre.

Fazit

Die Urananreicherungsanlage in Gronau ist eine Gefahr für die Nichtverbreitung von atomwaffenfähigem Material und entsprechendem Know-How – und damit auch für den Weltfrieden. Mit der Stilllegung könnte Deutschland ein deutliches Zeichen für atomare Abrüstung setzen und künftig glaubwürdig in internationalen Verhandlungen zur Nichtverbreitung auftreten. Zudem würde durch eine Stilllegung der Urananreicherungsanlage in Gronau verhindert, dass hierzulande angereichertes Uran direkt oder indirekt für die Herstellung neuer US-Atomwaffen genutzt werden kann. Insofern ist der Verzicht auf eine weitere Nutzung der Urananreicherungstechnologie in der Bundesrepublik Deutschland auch ein wesentlicher Beitrag auf dem Weg zu einer Welt ohne Atomwaffen.

Der Vorstand von ICAN Deutschland, 15. Oktober 2018

Quellen:

(1) https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/atomdeal-mit-folgen

(2) https://www.zeit.de/2017/35/nordkorea-atomwaffen-pakistan-abdul-qadeer-khan

(3) https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/uran-lieferung-ueber-500-millionen-dollar-vereinbart,6ct38d1q6ru3echk6ru36dhq70vk4