Humanitäre Abrüstung und Sicherheit

Die Einbindung religiöser Akteur*innen in Afrika

Der African Council of Religious Leaders (ACRL), Teil der globalen Initiative „Religions for Peace“ engagiert sich in Afrika sowie darüber hinaus für humanitäre Abrüstung. Bei den Verhandlungen für das Atomwaffenverbot hat die Organisation eine wichtige Rolle gespielt.

Ein Interview mit Linnet Loise Wairimu Ng’ayu, Beraterin für humanitäre Abrüstung. Sie nahm 2017 bei den Vereinten Nationen an den Verhandlungen zum Atomwaffenverbot teil.

Wie arbeiten die interreligiösen Räte in Afrika?

Unsere Vision ist es, religiöse Führungspersonen und ihre Gemeinschaften zu mobilisieren, um friedliche, gerechte, hoffnungsvolle und harmonische Gesellschaften in Afrika aufzubauen. Aus diesem Grund gibt es in 31 afrikanischen Ländern nationale, interreligiöse Räte („Interreligious Councils“). Wir arbeiten sowohl auf lokaler und regionaler als auch auf transnationaler Ebene. Jede Religion hat ihre eigene Lehre, aber wir teilen alle die gleichen Werte. Religions for Peace bietet den Räten thematische Beratung zu verschiedenen Themen wie Frieden und Sicherheit und auch zum Schutz der Erde.

Was bedeutet humanitäre Abrüstung in Afrika?

Da Afrika eine atomwaffenfreie Zone ist, ging es bei der humanitären Abrüstung in Afrika bis jetzt oft vorrangig darum, den Handel mit Kleinwaffen und den Einsatz konventioneller Waffen einzuschränken. Der Vertrag über die atomwaffenfreie Zone in Afrika – der Vertrag von Pelindaba – wurde 1996 unterzeichnet und ist mit der 28. Ratifizierung am 15. Juli 2009 in Kraft getreten. 52 afrikanische Staaten haben diesen Vertrag unterzeichnet, 42 haben ihn ratifiziert – während der UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen (TPNW) von 25 afrikanischen Staaten unterzeichnet wurde und fünf ihn bis jetzt ratifiziert haben: Gambia, Lesotho, Südafrika, Namibia und Botswana.

Warum sind es gerade religiöse Akteur*innen, die an atomarer Abrüstung interessiert sein sollten?

80 Prozent der afrikanischen Bevölkerung sind gläubig. Unabhängig von der Religion fordern eigentlich alle religiösen Lehren Gläubige auf, die Schöpfung zu bewahren und „sich um unser gemeinsames Heim zu kümmern“, wie es etwa die katholische Kirche formuliert.

Religiöse Akteur*innen sind in unserer Gesellschaft prominent. Sie haben einen Platz in der Diplomatie und aufgrund ihres Zugangs zu hohen Ämtern einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklungen in Politik und Gesetzgebung. Beim Gottesdienst besteht wöchentlich Kontakt zu den Gemeinden. Auch der UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen erkennt in seiner Präambel die Bemühungen religiöser Persönlichkeiten um die humanitären Prinzipien an. Die explizite Anerkennung des Engagements durch einen so wegweisenden UN-Vertrag ist eine wichtige Bestärkung für religiöse Akteur*innen. Um religiöse Akteur*innen in ihrem Engagement zu bestärken, weisen wir sie darauf hin, dass ein wegweisender Vertrag wie das Atomwaffenverbot ihre Arbeit explizit anerkennt.

Wie hat sich das Engagement religiöser Akteure in den letzten Jahren entwickelt?

Im Jahr 2014 fand in Nairobi (Kenia) ein erster runder Tisch mit jungen Führungspersönlichkeiten aus sieben Ländern statt. Junge Menschen sind Teil unserer Kampagnen, denn sie haben ein großes Potenzial, andere für die politische Arbeit zu begeistern. Im Jahr 2015 durchliefen religiöse Akteur*innen, Frauen und junge Menschen eine Fortbildung in Addis Abeba (Äthiopien). Wir veröffentlichten eine erste Erklärung, in der wir religiöse Führer aufforderten, sich hier zu engagieren und ein Verbot von Atomwaffen zu fordern. Mit den Verhandlungen über einen solchen UN-Vertrag konnten wir Religionsführern deutlich machen, dass Atomwaffen auch ein afrikanisches Anliegen sind und dass sie schwerwiegende Auswirkungen auf unseren Kontinent haben werden.

Die Verhandlungen der sogenannten Offenen Arbeitsgruppe („Open-ended Working Group“), die das Atomwaffenverbot vorbereitete, haben 2016 umfangreiche Sensibilisierungen für das Engagement von Glaubensführer*innen in ihren Gemeinschaften und auch Regierungen beinhaltet. Auch bei den UN-Verhandlungen 2017 ging es um die Sensibilisierung für das Engagement von Glaubensführer*innen in ihren Gemeinden und auch Regierungen. Seitdem haben wir die Position Afrikas und die Erklärung der UN als Instrumente genutzt, um bei religiösen Akteur*innen für die Unterstützung des Atomwaffenverbotsvertrages zu werben. Inzwischen sind 22 Interreligiöse Räte aus den einzelnen afrikanischen Staaten aktiv an diesem Prozess beteiligt. Im Mai 2018 verabschiedeten die Akteur*innen bei einem regionalen Treffen eine gemeinsame afrikanische Erklärung zur nuklearen Abrüstung, in der sie auf die Unterzeichnung und Ratifizierung des AVV drängten.

Wie arbeitet Religions for Peace?

Religions for Peace arbeitet mit Institutionen auf vielen verschiedenen Ebenen zusammen, unter anderem mit der Afrikanischen Union, mit zwischenstaatlichen Organisationen, regionalen Wirtschaftsgemeinschaften und Parlamentsabgeordneten. Wir sprechen mit hochrangigen Diplomat*innen, aber auch mit regionalen und lokalen Vertreter*innen.

Auf dem ganzen Kontinent organisieren wir gemeinsame Gebetstage für die Abrüstung, den nächsten zum Beispiel am 26. September 2020. Unsere Themen wie Humanitäre Abrüstung, Divestment und die Ächtung von Atomwaffen fließen in die Predigten und Gottesdienste ein. Da auch politische Entscheidungsträger die Gotteshäuser besuchen, erreichen wir sie auf diese Art und Weise mit unseren Botschaften. Es ist Teil unseres Programms, Frauen und junge Führungspersonen verstärkt anzusprechen. Das Thema Abrüstung bietet ihnen Gelegenheit, gesehen und gehört zu werden.
Des Weiteren stellen wir Glaubensakteur*innen Materialien zur Verfügung. Das Handbuch, das Religions for Peace bereits zum Thema Streumunition angeboten hatte, war für uns auch beim Verbot von Atomwaffen sehr hilfreich. Deshalb haben wir für religiöse Akteur*innen 2013 ein globales Handbuch zum Thema „nukleare Abrüstung“ erstellt.

Welches sind besondere Herausforderungen für Ihre Arbeit?

Atomare Abrüstung scheint in Afrika zunächst keine Priorität zu haben, da der Kontinent bereits eine atomwaffenfreie Zone ist. Viele Menschen haben vielleicht den Eindruck, dass wir nicht betroffen sind. Das ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance für uns. Wir versuchen, das Bewusstsein zu verbreiten, dass es sich um einen stetigen internationalen Prozess handelt – und dass unsere politischen Entscheidungsträger*innen involviert werden müssen.

Wir erinnern an die französischen Atomtests in Algerien und versuchen die gravierende, globalen Auswirkungen von Atomexplosionen auf die Ernährung und das Klima aufzuzeigen. Wir versuchen, den politischen Entscheidungsträgern zu erklären, dass der AVV ähnliche Regelungen wie der Vertrag von Pelindaba enthält – und dass es wichtig ist, über den Vertrag von Pelindaba hinaus auch das Atomwaffenverbot zu ratifizieren. Es gibt in Afrika oftmals ein Misstrauen gegenüber internationalen Instrumenten, das wir zu überwinden versuchen.